NRW ist ein schönes Land. NRW ist ein großes Land. NRW hat gewählt. Wahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland Deutschlands sind naturgemäß wichtig. Jahrzehntelang eine Pflichtveranstaltung für die SPD, hat sich der Wind in den letzten Jahren für die Partei gedreht. Strukturwandel, Zechensterben, Kohlepfennig – die Stichworte der Vergangenheit entfalten nur noch begrenzte Magie. Arbeitslosigkeit, Migration und Bildung geben den Ton an. Nordrhein-Westfalen das sozialdemokratische Stammland hat sein Gesicht verändert. Damit aber haben sich auch die Anforderungen für die Partei auf ihrem Weg zurück zur Macht verändert.
Erwarteter Absturz
Als die ersten Hochrechnungen einliefen hielt sich die Überraschung in Grenzen. Rüttgers war abgestraft, SPD und Grüne verzeichneten Zugewinne und die Linkspartei überwand die Fünf-Prozent-Hürde. Ach ja und die FDP blieb einstellig. Westerwelles ebenso wortstarker wie gestenreicher Entspurt führte die Partei ins politische Abseits. Schwarz-gelb ist Vergangenheit an Rhein und Ruhr. Parteispenden, „spätrömische Dekandenz“ und das Gefühl eines perspektivlosen weiter so verhinderten die Fortsetzung einer kaum mehr wahrzunehmenden Liebesheirat. Die europäische Kulturmetropole 2010 gab sich in den letzten Jahren dezent. Vorbei die Jahre in denen der Abschied aus dem Industriezeitalter mit Protesten einherging und nur durch die einfühlsame Vermittlung eines Johannes Rau besänftigt werden konnte. Nein, Landesvater war Rüttgers nie. Stattdessen versuchte er sich mit Sprüchen wie „Kinder statt Inder“ zu profilieren. Der Versuch bundespolitische Präsenz durch populäre Aussagen zu erreichen, gelang mehr oder weniger erfolgreich. Antworten auf die Fragen nach dem landespolitischen wohin blieben dagegen allzu häufig unbeantwortet.
Rolle rückwärts
Die Fragezeichen wurden in den letzten Monaten größer. Börsen-Crash, Bankenkrise und zuletzt auch noch Griechenland sorgten für Unruhe. Auch in den eigenen Reihen. Kapitalismus-Kritik und mit ihr verbunden, die Forderung soziale Errungenschaften gegenüber Investoren-Interessen zu verteidigen, setzte auch die nordrhein-westfälische Landesregierung unter Druck. Gute Aussichten für die SPD also, den erstrebten Machtwechsel einzuleiten und in die alte „Wahlheimat“ als Regierungspartei zurück zu kehren. Und dann? Umverteilung und soziale Gerechtigkeit sind eher etwas für Nostalgiker. Und der Himmel über der Ruhr ist schon seit Jahren wieder blau. Die immer wieder angemahnte Kreativität bei der Lösung der Zukunftsprobleme verlangt auch von den Nachfolgern der Rüttgers-Regierung programmatische Innovationen. Der Rückzug auf altbekannte Verteilungsprinzipien wird hingegen angesichts leerer Staatskassen kaum reichen. Und hier beginnt es denn auch gleich schwierig zu werden. Vieles von dem im Wahlkampf angekündigten wird Geld kosten. Bessere Kinderbetreuung, Ausbau der Hochschulen oder Integrationshilfen für Migranten gibt es nicht zum Nulltarif.
Quo vadis
Der Wirtschaftsstandort NRW hat mit den Jahren gelitten. Firmenansiedlungen haben neue Jobs gebracht ohne allerdings eine Trendwende auf dem Arbeitsmarkt herbeizuführen. Zauberformeln wie „Medienland NRW“ auf die sich vor einigen Jahren noch die Hoffnungen richteten, haben merklich an Glanz verloren. Stattdessen hat der nüchterne Alltag Einzug gehalten und damit unter anderem auch der Konkurrenzkampf mit den anderen Standorten im In- und Ausland. Politik für die Menschen in NRW wird auf einen gutes Verhältnis zur Wirtschaft nicht verzichten können. Vier Jahrzehnte Landespolitik sollten hierfür in der SPD ein Bewusstsein geschaffen haben. Doch Zweifel sind angebracht. Noch zu frisch sind die Querelen um den für viele Genossen zu wirtschaftfreundlichen Ex-Ministerpräsident Wolfgang Clement. Seine Kritik an rot-grünen Projekten, die dem Industrie-Standort statt Hight-Tech eine ökologische Zukunft verordnen wollten, hinterließ tiefe Wunden in der Partei. Oberflächlich gekittet, ist die Diskussion noch nicht ausgestanden. Vielmehr wird sie angesichts des Wahlausgangs, der ja neben rot-rot-grün auch die „große Koalition“ als Möglichkeit zulässt, noch an Fahrt aufnehmen. Der Wahlausgang vom Sonntag wirft Fragen auf, auch und besonders für die SPD.
Montag, 10. Mai 2010
Sonntag, 21. März 2010
Geheimnis des Glaubens
Zeitenwenden haben es in sich. Gemeinhin als Fortschritt oder Aufbruch von den Chronisten dargestellt, wirken frühere Epochen häufig rückständig und barbarisch. Beispiele sind leicht zu finden: Die Aufklärung erfand das “finstere Mittelalter”, das Christentum die Heiden und der Sozialismus die Bourgeoisie. Vorstellung und Realität vermischen sich, aus Geschichte wird Mythos. Der niederländische Islamforscher Hans Jansen geht den umgekehrten Weg. Mit “Mohammed – eine Biografie” macht er sich daran das Bild des orientalischen Religionsstifters auf seine historischen Stichhaltigkeit zu überprüfen.
1942 in Amsterdam geboren, promovierte Jansen in Leiden und unterrichtete dort bis 2002. Seit 2003 hat er eine außerplanmäßige Professur für zeitgenössisches Islamisches Denken an der Universität Utrecht inne. Seit 1974 beschäftigt er sich mit zeitgemäßen Interpretationsmöglichkeiten des Koran und Modernisierungsversuchen innerhalb des Islam. Das Aufkommen militanter fundamentalistischer Bewegungen in der arabischen Welt verdeutlicht dabei für Jansen auch die Forderung nach politischer Mitbestimmung. Dabei stellen für Islamisten Politik und Religion keinen Widerspruch dar, sondern ergeben sich vielmehr aus dem traditionellen jihad-Begriff des Korans. Politische Emanzipation und islamische Gesellschaftsordnung verkörpern, nach Ansicht Jansens, für muslimische Fundamentalisten eine heilsgeschichtliche Kontinuität, die unabdingbar mit der Person Mohammeds und seinem Leben als Prophet verbunden ist. Grund genug um der Frage nachzugehen: “Wer eigentlich war Mohammed?”
Zunächst eine kurze Vorbemerkung. “Mohammed – Eine Biografie” stellt eine Zusammenfassung zweier zwischen 2005 und 2007 in den Niederlanden erschienen Teilbiografien dar, in denen Jansen Mohammeds Leben in Mekka und Medina beschreibt. Das schmälert zwar den Wert des Buches nicht, aber die zweistufige Vorgehensweise des Autors und die damit einhergehende zeitliche Abfolge bei der Behandlung des Themas wird für den Leser der deutschen Ausgabe nicht ohne weiteres ersichtlich. Ein kurzes editorisches Vorwort, das die Motivation des Autors und die unterschiedliche Publikationsweise erläutert, wäre bei einem Thema, in dem Transparenz und historische Überprüfbarkeit eine wichtige Rolle spielen, hilfreich gewesen.
Geschichte versus Glauben – eine Biografie Mohammeds beschreitet schwieriges Terrain. Jansens Entscheidung, das Leben Mohammeds, sein politisches Wirken und damit auch sein religiöses Erbe zu untersuchen, ist eine wissenschaftliche und religiöse Gratwanderung. Die Schwierigkeit, das Gebot ewige Wahrheiten anzuerkennen ohne die Suche nach historischer Plausibilität zu vernachlässigen, beschreibt ein Problem von Mohammed-Biografen. Ein anderes ist das Leben Mohammeds selbst. Vieles ist unklar, Dokumente fehlen und an die Stelle von Tatsachenberichten treten heilsgeschichtliche Betrachtungen. Berichte von Zeitgenossen? Fehlanzeige! Zu den Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit zählt Jansen die Aufzeichnungen nachgeborener islamischer Gelehrter wie Ibn Ishaq (ca. 704 – 768), Ibn Hischam (gestorben 834) oder at Tabari (839 – 923) beziehungsweise den Koran. Um zu einer realistischen Einschätzung Mohammeds zu gelangen, ist also eine kritische Überprüfung dieser Schriften notwendig.
Jansen konzentriert sich im wesentlichen auf drei Untersuchungsschwerpunkte. Die zeitliche und geografische Plausibilität der Überlieferung, die historische Stimmigkeit der islamischen Geschichtsschreibung und die sprachliche Homogenität des Koran.
Die Annäherung an Mohammed erfolgt traditionell. Der Autor sucht nach dem Geburtsort, dem Geburtsjahr, den Eltern. Erste Ungenauigkeiten werden offenbar. Die Einführung einer islamische Zeitrechnung, die keine Schaltmonate kennt, erschwert eine genaue Datierung. Historische Bezugspunkte wie das “Jahr des Elefanten”, in dem Mohammed geboren worden sein soll, müssen aufgrund anderer Untersuchungen vordatiert werden. Wurde Mohammed anstatt 572 bereits 552 nach Christi geboren? Damit aber gerieten andere biografische Fixpunkte in Mohammeds Leben ins wanken. Auch hinsichtlich des Geburtsortes ergeben sich biografische Fragen. Weder gibt es sichere Hinweise, dass Mohammed tatsächlich in Mekka geboren wurde, noch gilt der Status Mekkas als “Handelsstadt” als gesichert. Jansen orientiert sich hierbei wesentlich an der Arbeit von Patricia Crone, die grundsätzliche Zweifel an der These anmeldet, dass Mekka ein überregional bedeutsamer Handelsplatz war.
Ein anderer Ansatzpunkt, um Mohammeds Jugend und seine Berufung zum Propheten einzuordnen, ist für Jansen ist die Darstellung der vorislamischen Zeit (Dschahiliyya) durch den Koran. Auch hier bleibt Jansens Suche nach historischen Anhaltspunkten ergebnislos. Vielmehr weisen die Darstellungen des Koran nach Ansicht Jansens, der sich hier auf Forschungen von John Wansbrough stützt, hinsichtlich der Dschahiliyya Predigtcharakter auf und sind eher im Sinne frommer Erzählungen und theologischer Diskussionen zu verstehen. Historisch gesehen ergeben sich somit aus der Dschahiliyya keine Anhaltspunkte für die Berufung Mohammeds zum Propheten.
Neben der historischen Ebene stützt Jansen seine Biografie auch auf sprachliche und textanalytische Untersuchungen des Koran. Dabei verfolgt Jansen zwei Ziele. Zum einen die Überprüfung des sprachlichen Ursprungs des Korans. Und zum anderen eine Überprüfung der inhaltlichen Eindeutigkeit. In beiden Fällen weist Jansen auf teilweise gravierende Unstimmigkeiten hin. Vor allem im Hinblick auf den sprachlichen Ursprung des Koran, der ja qua definitionem arabischen Ursprungs ist, verdeutlicht Jansen den syrischen Einfluss. So gewinnen nach Ansicht des Autors zum Beispiel nicht nur die Suren 105 und 106 an interpretatorischer Glaubwürdigkeit, sondern werden teilweise erst durch das Hinzuziehen der syrischen Sprache verstehbar. Daraus ergeben sich aber hinsichtlich der Koranentstehung fundamentale Probleme, da nichtarabische Sprachelemente gemäß der Offenbarung Gottes gegenüber Mohammed nicht vorhanden sein können. Eine zusätzliche Steigerung erfährt diese Problematik durch die inhaltliche Mehrdeutigkeit des Korantextes. So zeigt Jansen anhand der Sure 106 mehr als 3000 Auslegungsmöglichkeiten auf. Durch ein weiteres, sehr viel grundsätzlicheres Beispiel verdeutlicht Jansen die Sprengkraft dieser Mehrdeutigkeit. Nicht nur einzelne Begriffe sind mehrdeutig, auch der Name des Propheten gibt Anlass zu Spekulationen. So kann laut Jansen Mohammed ein Eigenname sein aber auch “gelobt oder gepriesen” bedeuten. Die Konsequenz dieser Doppeldeutigkeit ist augenfällig, wirft sie doch die Frage auf, ob der Prophet eine konkrete Person oder ein historisches Abstraktum ist.
Was also bleibt von Mohammed am Ende dieser Biografie? Zweifel, möglicherweise sogar Trotz, auf jeden Fall Fragen. Hans Jansens Buch provoziert. Vielleicht nicht den Gläubigen, der über historische Fragwürdigkeiten erhaben ist. Sicher aber den zweifelnden, suchenden Leser. Die Frage nach der Geschichtlichkeit von Religionsstiftern ist sicher ein Problem. Sind Personen wie Jesus oder Moses über alle Zweifel erhaben, sind deren Lebenswege tatsächlich belegbar? Fragen dieser Art sind legitim, vielleicht sogar eine logische Konsequenz, die sich aus der Lektüre der Biografie Mohammeds ergeben. Und doch berühren sie nicht den Kern der Sache. Jansens Buch ist kein Glaubensbekenntnis, das im Kampf der Kulturen Partei ergreift. Glaubensfragen bleiben unbeantwortet, die Erkundung des Jenseits ist für den Historiker kein Forschungsgegenstand. Das Diesseits schon. Und hier liegt die eigentliche Problematik, stärker vielleicht als in anderen Religionen war und ist der Prophet Mohammed für seine Anhänger auch Politiker, ist seine Botschaft auch Staatsräson.
Die rationale Frage nach der Geschichtlichkeit dieser Person, das Aufzählen der Widersprüche hinterlassen bei den Betroffenen ein politisches Vakuum. Die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, mit der sich der Westen durch die Aufklärung eine zweite geistige und moralische Heimat geschaffen hat, ist vielen Muslimen fremd geblieben. Eine Infragestellung des Propheten birgt für sie den Rückfall ins vorislamische Chaos. Angesichts der historischen Forschung der letzten Jahrzehnte befördert die wortgenaue, positivistische Auslegung des Islams, das Fehlen von Zweifel und Abstraktion jedoch ein Glaubwürdigkeitsproblem von kopernikanischen Ausmaßen. Die Glaubenstreue, das Festhalten an Überliefertem und die Herausforderungen des (westlichen) Alltags provozieren Konflikte, auf die islamische Gesellschaften nur allzu häufig mit physischer und psychischer Gewalt reagieren. Jansens teilweise ironische Sprache verrät in diesem Zusammenhang auch die Hilflosigkeit des westlichen Beobachters, der die spirituellen Botschaft des Islam und seine rigide Auslegung nur schwer mit den humanen Maßstäben einer pluralen Gesellschaft in Verbindung bringen kann. Der Verzicht auf eine kritische Analyse, wie ihn Jansen bei einigen seiner Forscherkollegen beklagt oder der politisch korrekte Hinweis darauf, dass der Islam auch positive Botschaften vermittle, lösen das Problem jedenfalls nicht.
Hans Jansen
Mohammed
Eine Biographie
C.H. Beck, 24,90 Euro
1942 in Amsterdam geboren, promovierte Jansen in Leiden und unterrichtete dort bis 2002. Seit 2003 hat er eine außerplanmäßige Professur für zeitgenössisches Islamisches Denken an der Universität Utrecht inne. Seit 1974 beschäftigt er sich mit zeitgemäßen Interpretationsmöglichkeiten des Koran und Modernisierungsversuchen innerhalb des Islam. Das Aufkommen militanter fundamentalistischer Bewegungen in der arabischen Welt verdeutlicht dabei für Jansen auch die Forderung nach politischer Mitbestimmung. Dabei stellen für Islamisten Politik und Religion keinen Widerspruch dar, sondern ergeben sich vielmehr aus dem traditionellen jihad-Begriff des Korans. Politische Emanzipation und islamische Gesellschaftsordnung verkörpern, nach Ansicht Jansens, für muslimische Fundamentalisten eine heilsgeschichtliche Kontinuität, die unabdingbar mit der Person Mohammeds und seinem Leben als Prophet verbunden ist. Grund genug um der Frage nachzugehen: “Wer eigentlich war Mohammed?”
Zunächst eine kurze Vorbemerkung. “Mohammed – Eine Biografie” stellt eine Zusammenfassung zweier zwischen 2005 und 2007 in den Niederlanden erschienen Teilbiografien dar, in denen Jansen Mohammeds Leben in Mekka und Medina beschreibt. Das schmälert zwar den Wert des Buches nicht, aber die zweistufige Vorgehensweise des Autors und die damit einhergehende zeitliche Abfolge bei der Behandlung des Themas wird für den Leser der deutschen Ausgabe nicht ohne weiteres ersichtlich. Ein kurzes editorisches Vorwort, das die Motivation des Autors und die unterschiedliche Publikationsweise erläutert, wäre bei einem Thema, in dem Transparenz und historische Überprüfbarkeit eine wichtige Rolle spielen, hilfreich gewesen.
Geschichte versus Glauben – eine Biografie Mohammeds beschreitet schwieriges Terrain. Jansens Entscheidung, das Leben Mohammeds, sein politisches Wirken und damit auch sein religiöses Erbe zu untersuchen, ist eine wissenschaftliche und religiöse Gratwanderung. Die Schwierigkeit, das Gebot ewige Wahrheiten anzuerkennen ohne die Suche nach historischer Plausibilität zu vernachlässigen, beschreibt ein Problem von Mohammed-Biografen. Ein anderes ist das Leben Mohammeds selbst. Vieles ist unklar, Dokumente fehlen und an die Stelle von Tatsachenberichten treten heilsgeschichtliche Betrachtungen. Berichte von Zeitgenossen? Fehlanzeige! Zu den Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit zählt Jansen die Aufzeichnungen nachgeborener islamischer Gelehrter wie Ibn Ishaq (ca. 704 – 768), Ibn Hischam (gestorben 834) oder at Tabari (839 – 923) beziehungsweise den Koran. Um zu einer realistischen Einschätzung Mohammeds zu gelangen, ist also eine kritische Überprüfung dieser Schriften notwendig.
Jansen konzentriert sich im wesentlichen auf drei Untersuchungsschwerpunkte. Die zeitliche und geografische Plausibilität der Überlieferung, die historische Stimmigkeit der islamischen Geschichtsschreibung und die sprachliche Homogenität des Koran.
Die Annäherung an Mohammed erfolgt traditionell. Der Autor sucht nach dem Geburtsort, dem Geburtsjahr, den Eltern. Erste Ungenauigkeiten werden offenbar. Die Einführung einer islamische Zeitrechnung, die keine Schaltmonate kennt, erschwert eine genaue Datierung. Historische Bezugspunkte wie das “Jahr des Elefanten”, in dem Mohammed geboren worden sein soll, müssen aufgrund anderer Untersuchungen vordatiert werden. Wurde Mohammed anstatt 572 bereits 552 nach Christi geboren? Damit aber gerieten andere biografische Fixpunkte in Mohammeds Leben ins wanken. Auch hinsichtlich des Geburtsortes ergeben sich biografische Fragen. Weder gibt es sichere Hinweise, dass Mohammed tatsächlich in Mekka geboren wurde, noch gilt der Status Mekkas als “Handelsstadt” als gesichert. Jansen orientiert sich hierbei wesentlich an der Arbeit von Patricia Crone, die grundsätzliche Zweifel an der These anmeldet, dass Mekka ein überregional bedeutsamer Handelsplatz war.
Ein anderer Ansatzpunkt, um Mohammeds Jugend und seine Berufung zum Propheten einzuordnen, ist für Jansen ist die Darstellung der vorislamischen Zeit (Dschahiliyya) durch den Koran. Auch hier bleibt Jansens Suche nach historischen Anhaltspunkten ergebnislos. Vielmehr weisen die Darstellungen des Koran nach Ansicht Jansens, der sich hier auf Forschungen von John Wansbrough stützt, hinsichtlich der Dschahiliyya Predigtcharakter auf und sind eher im Sinne frommer Erzählungen und theologischer Diskussionen zu verstehen. Historisch gesehen ergeben sich somit aus der Dschahiliyya keine Anhaltspunkte für die Berufung Mohammeds zum Propheten.
Neben der historischen Ebene stützt Jansen seine Biografie auch auf sprachliche und textanalytische Untersuchungen des Koran. Dabei verfolgt Jansen zwei Ziele. Zum einen die Überprüfung des sprachlichen Ursprungs des Korans. Und zum anderen eine Überprüfung der inhaltlichen Eindeutigkeit. In beiden Fällen weist Jansen auf teilweise gravierende Unstimmigkeiten hin. Vor allem im Hinblick auf den sprachlichen Ursprung des Koran, der ja qua definitionem arabischen Ursprungs ist, verdeutlicht Jansen den syrischen Einfluss. So gewinnen nach Ansicht des Autors zum Beispiel nicht nur die Suren 105 und 106 an interpretatorischer Glaubwürdigkeit, sondern werden teilweise erst durch das Hinzuziehen der syrischen Sprache verstehbar. Daraus ergeben sich aber hinsichtlich der Koranentstehung fundamentale Probleme, da nichtarabische Sprachelemente gemäß der Offenbarung Gottes gegenüber Mohammed nicht vorhanden sein können. Eine zusätzliche Steigerung erfährt diese Problematik durch die inhaltliche Mehrdeutigkeit des Korantextes. So zeigt Jansen anhand der Sure 106 mehr als 3000 Auslegungsmöglichkeiten auf. Durch ein weiteres, sehr viel grundsätzlicheres Beispiel verdeutlicht Jansen die Sprengkraft dieser Mehrdeutigkeit. Nicht nur einzelne Begriffe sind mehrdeutig, auch der Name des Propheten gibt Anlass zu Spekulationen. So kann laut Jansen Mohammed ein Eigenname sein aber auch “gelobt oder gepriesen” bedeuten. Die Konsequenz dieser Doppeldeutigkeit ist augenfällig, wirft sie doch die Frage auf, ob der Prophet eine konkrete Person oder ein historisches Abstraktum ist.
Was also bleibt von Mohammed am Ende dieser Biografie? Zweifel, möglicherweise sogar Trotz, auf jeden Fall Fragen. Hans Jansens Buch provoziert. Vielleicht nicht den Gläubigen, der über historische Fragwürdigkeiten erhaben ist. Sicher aber den zweifelnden, suchenden Leser. Die Frage nach der Geschichtlichkeit von Religionsstiftern ist sicher ein Problem. Sind Personen wie Jesus oder Moses über alle Zweifel erhaben, sind deren Lebenswege tatsächlich belegbar? Fragen dieser Art sind legitim, vielleicht sogar eine logische Konsequenz, die sich aus der Lektüre der Biografie Mohammeds ergeben. Und doch berühren sie nicht den Kern der Sache. Jansens Buch ist kein Glaubensbekenntnis, das im Kampf der Kulturen Partei ergreift. Glaubensfragen bleiben unbeantwortet, die Erkundung des Jenseits ist für den Historiker kein Forschungsgegenstand. Das Diesseits schon. Und hier liegt die eigentliche Problematik, stärker vielleicht als in anderen Religionen war und ist der Prophet Mohammed für seine Anhänger auch Politiker, ist seine Botschaft auch Staatsräson.
Die rationale Frage nach der Geschichtlichkeit dieser Person, das Aufzählen der Widersprüche hinterlassen bei den Betroffenen ein politisches Vakuum. Die Fähigkeit zur kritischen Reflexion, mit der sich der Westen durch die Aufklärung eine zweite geistige und moralische Heimat geschaffen hat, ist vielen Muslimen fremd geblieben. Eine Infragestellung des Propheten birgt für sie den Rückfall ins vorislamische Chaos. Angesichts der historischen Forschung der letzten Jahrzehnte befördert die wortgenaue, positivistische Auslegung des Islams, das Fehlen von Zweifel und Abstraktion jedoch ein Glaubwürdigkeitsproblem von kopernikanischen Ausmaßen. Die Glaubenstreue, das Festhalten an Überliefertem und die Herausforderungen des (westlichen) Alltags provozieren Konflikte, auf die islamische Gesellschaften nur allzu häufig mit physischer und psychischer Gewalt reagieren. Jansens teilweise ironische Sprache verrät in diesem Zusammenhang auch die Hilflosigkeit des westlichen Beobachters, der die spirituellen Botschaft des Islam und seine rigide Auslegung nur schwer mit den humanen Maßstäben einer pluralen Gesellschaft in Verbindung bringen kann. Der Verzicht auf eine kritische Analyse, wie ihn Jansen bei einigen seiner Forscherkollegen beklagt oder der politisch korrekte Hinweis darauf, dass der Islam auch positive Botschaften vermittle, lösen das Problem jedenfalls nicht.
Hans Jansen
Mohammed
Eine Biographie
C.H. Beck, 24,90 Euro
Arbeiter ohne Menschenrecht
Seit der Renaissance arbeitet der Mensch an der Verwirklichung seines mechanischen Ebenbildes. Die Entdeckung der Eigenverantwortung und der Wunsch menschenähnliche Maschinen zu konstruieren, haben einen gemeinsamen Ursprung. Das Streben des Menschen nach Perfektion.
Mit zunehmender Komplexität des Alltags und wachsenden technischen
Fähigkeiten wuchsen auch die Anforderungen an den Menschen. Die Folge war eine wachsende Kluft zwischen dem Möglichen und dem Machbaren. Maschinen füllten diese Lücke. Zunächst nur mit einfachen Tätigkeiten betraut, verrichteten sie schon bald Aufgaben, die für Menschen zu anstrengend oder zu gefährlich waren. Der Begriff des Roboters wurde geboren. Die Maschine wandelte sich vom Werkzeug zum „Arbeiter“, sie wurde „vermenschlicht“.
Emanzipierte Roboter?
Trotz der vorwiegend industriellen Nutzung des Roboters wurde die Vorstellung intelligente Maschinen zu entwickeln, nicht aufgegeben. Unterstützt wird dies durch die immer komplexeren Anforderungen der Industrie, die die Weiterentwicklung der Robotertechnik beschleunigen. Die Zeiten in denen Roboter lediglich Schrauben sortierten, scheinen vorbei zu sein. In den nächsten Jahrzehnten werden wir Maschinen konstruieren, die sich wie der homo sapiens vom Neandertaler unterscheiden. Damit stellt sich aber auch die Frage nach dem rechtlichen Status von „künstlicher Intelligenz“. In dem wir diesen Maschinen komplexe Aufgaben stellen, übertragen wir ihnen auch Verantwortung. Ein gewagtes Unterfangen, wenn man „Verantwortung“ als die Fähigkeit definiert, die Lebensqualität des Einzelnen durch gemeinschaftsorientiertes Handeln zu erhöhen. Der Roboter, ein „zoon politicoon“? Auch wenn intelligente Roboter vielleicht nicht von „Natur“ aus nach Gemeinschaftlichkeit streben, Fähigkeiten wie Sprache oder Bewusstsein könnten den Unterschied zwischen Mensch und Maschine allmählich minimieren. Das setzt Spielregeln voraus: Was mit der Emanzipation des Menschen von Gott begann,könnte mit der Emanzipation der Maschine vom Menschen enden.
Asimov's Gesetze
Noch gibt es keine Präzendensfälle, die eine solche Entwicklung belegen könnten. Konkrete Fallbeispielen bleiben daher der „Science Fiction“ überlassen. Eine der vielleicht bekanntesten Schriften, die sich mit dem Thema „Roboterrechte“ beschäftigt, ist Isaak Asimovs Buch „I Robot“. Asimov entwirft eine Welt in welcher sich Mensch und Roboter nur noch anatomisch unterscheiden. Aber obwohl zwischen Mensch und Maschine die Unterschiede verschwimmen, haben sie nicht die gleichen Rechte. Roboter unterliegen den Robotergesetzen:
1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehl gehorchen, es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel Eins kollidieren.
3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, so lange dieser Schutz nicht mit Regel Eins oder Zwei kollidiert.
Ein Gesetz oder eine Regel ist immer beides: Beschreibung und
Einschränkung.Beschreibung indem sie potentielle Fähigkeiten
des Objektes aufzählt und Einschränkung durch die Reglementierung
seiner Möglichkeiten. Welche Fähigkeiten setzten Asimovs Regeln also voraus? Zunächst muss ein Roboter die Konsequenzen seines Handelns bzw. Nichthandelns abschätzen können. Er muss fähig sein, eigene Entscheidungen zu treffen, d.h. er muss zwischen verschiedenen Optionen auswählen können. Das aber setzt eine erkenntnisorientierte Lernfähigkeit(im Gegensatz zum reinen Reproduzieren abgespeicherter Daten) des Roboters voraus. Und schließlich, er muss sich seiner selbst bewusst ein, um seinen Wert zu erkennen und um seine „Existenz“ beschützen zu können. Was auf den ersten Blick wie eine technische Anleitung aussieht, setzt eine „Maschine“ mit komplexen Eigenschaften voraus. Selbsterhaltung, Lernfähigkeit und Bewusstsein – die Verwandtschaft mit dem Menschen scheint augenfällig. Einige Beispiele werden dies verdeutlichen: In „Reason“ reflektiert der Roboter „Cutie“ über seinen Ursprung und findet daraufhin eine quasi-religiöse Antwort, die diese Existenz erklärt. Zweifellos ein beeindruckender Beweis für Bewusstsein im Sinne von „Cogito ergo sum“. Um diese These zu überprüfen, durchforstet er die vorhandene Bibliothek, was nicht nur seine Lesefähigkeit und damit seine Lernfähigkeit, sondern auch seine Fähigkeit zur selbständigen Willensbildung zeigt. Ein anderes Beispiel verdeutlicht ebenfalls das Zusammenwirken von Wille und Bewusstsein. In „Liar“ lügt der Roboter Herbie wie gedruckt. Lügen ist aber die bewusste und damit willentliche Verschleierung von Tatsachen. Nicht einmal Gefühl schließt Asimov bei seinen Robotern aus, so zeigt „Robbi“ durchaus emotionale Regungen als er seine „Spielgefährtin“ Gloria nach langer Trennung wiedersieht.
Herkunft statt Potential
Und trotzdem Asimovs Roboter sind dem Menschen unterstellt.
Die Rollenverteilung ist einfach: Der Mensch befiehlt, der Roboter gehorcht. Schlimmer noch, der Roboter ist kein eigener Herr - er ist Eigentum eines anderen. Die Fähigkeiten der Roboter und die Regeln der Robotergesetze scheinen nicht deckungsgleich zu sein. Die Folgen sind scheinbare „Fehler“, die Korrekturen und damit Eingriffe in die „Funktion“ der Roboter notwendig machen. Kann dies im juristischen Sinne gerecht sein? Zunächst einmal gilt: Recht ist Menschenrecht (vgl. dazu z.B. die Charakterisierung der „natürlichen Person“ im Bürgerlichen Gesetzbuch [BGB] §1) – es trifft keine Aussagen über die Rechte anderer Lebensformen. Das Problem: Menschliches Recht ist Herkunftsrecht. Nicht die Fähigkeit des Rechtssubjektes, sondern seine Abstammung bestimmt den Rechtsanspruch. Sind Roboter deshalb wie Tiere oder Pflanzen zu behandeln? Wohl kaum, den Beweis dafür liefert Asimov bzw. die mit der Herstellung der Roboter betraute „United States Robot Co.“ selbst und zwar in Form der Robotergesetze. Gibt es Gesetze oder Regeln, die Tieren ein bestimmtes Verhalten vorschreiben? Versteht der Hund das Schild „Wir müssen draußen bleiben“ als ein direktes Verbot? Nein, es gibt keine solchen Gesetze, weil Tiere weder physisch noch intellektuell in der Lage sind sich mit dem Menschen über komplexere Sachverhalte zu verständigen. Verhalten kann ihnen antrainiert werden,die Konsequenzen ihrer Handlungen aber können weder Hund noch Katz abschätzen. Die Roboter der „United States Robot Co.“ dagegen können es. Was aber nun sind Asimovs Roboter? Zwei Tatsachen stehen fest:
1. Sie sind weder mit Tieren noch mit Menschen gleichzusetzen.
2. Sie stellen eine intelligente, mit Bewusstsein ausgestattete künstliche Lebensform dar.
Eigentum – Schlüssel zum Leben?
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die beiden wesentlichen Einwände, die gegen eine tatsächliche Gleichwertigkeit oder besser Gleichrangigkeit ins Feld geführt werden können.
1. Roboter werden von Menschen geschaffen, sind also keine natürliche Lebensform.
2. Das Wissen und die Fähigkeit,dieses Wissen zu erweitern, werden Ihnen vom Menschen verliehen.
Daraus folgt, dass der Mensch eine Verfügungsgewalt beziehungsweise ein Eigentumsrecht über Roboter hat. Aufgrund des bisher Gesagten steht diesem Anspruch aber die Fähigkeit des Roboters gegenüber, sein Bewusstsein durch Reflektion zu erweitern. Durch seine Arbeit und seine Kontakte zu verschiedenen Menschen sammelt der Roboter Erfahrungen, die sein Bewusstsein und damit sein Verhalten prägen. Mit der Zeit wird der Roboter zu einem Individuum – einem Wesen also, das über die Blaupausen seiner Hersteller hinausgewachsen ist. Vergegenwärtigt man sich diesen Entwicklungsprozess, stellt sich die Frage nach „Eigentum“ und „Verfügungsgewalt“ völlig neu. Naturrechtlich kann man auf verschiedenen Wegen Eigentumsrechte an einem Gegenstand erlangen.
Durch Vertrag, wobei eine Vertragspartei Eigentümer bzw. Besitzer mit Eigentümervollmacht sein muss. Oder durch Arbeit, in dem man den Gegenstand selbst erschafft bzw. weiterentwickelt. Der Mensch der einen Roboter baut ist Eigentümer dieses Roboters, weil er ihn durch seine Arbeitsleistung geschaffen hat. Was aber, wenn sich der Roboter selbständig weiterentwickelt, wenn er auf Grund seiner Lernfähigkeit über seine Existenz reflektiert und dadurch zu neuen Gedanken oder Verhaltensweisen gelangt? Was, wenn er durch eigene Überlegung vorgegebene Arbeitsabläufe optimiert? Ist er dann immer noch Eigentum des Menschen oder hat er nicht selbst Arbeit in seine Vervollkommnung investiert und damit neues Eigentum geschaffen?
Das Recht auf Eigentum und seine Folgen
Durch die Fähigkeit des Roboters sich selbst zu verbessern, gehen die Eigentumsrechte des Konstrukteurs auf den Roboter über und damit auch
die Verfügungsgewalt. Dieser Vorgang ist im eigentlichen Sinne keine
Emanzipation, weil er den Roboter nicht zu einem Bestandteil des menschlichen Rechtssystems ihm ein eigenes Verfügungsrecht zu, verleiht ihm also ein Selbstbestimmungsrecht. Dies zu ignorieren käme einer gewaltsamen Aneignung fremden Eigentums gleich. Den Willen des Roboters zu missachten, seine Fähigkeiten zu eigenem Nutzen und Vorteil zu gebrauchen, bedeutete eine neue Form der Sklaverei. Das hat folgende Konsequenzen:
1. Alle Eigentumsansprüche gegenüber lern- und bewusstseinsfähigen Robotern bzw. Androiden sind gegenstandlos.
2. Der bis her auf Abstammung beruhende Personenbegriff muss erweitert werden und auf künstliche Intelligenz übertragbar sein.
3. Die Hersteller müssen Roboter in die Lage versetzen, die geltenden Gesetze zu befolgen und die ihnen zugestandenen Rechte und Pflichten auszuüben.
4. Die Hersteller haben Verfahren zu entwickeln, die eine Überprüfung der Roboter gestattet ohne ihre bewusstseinsgenerierenden Funktionen zu deaktivieren bzw. einzuschränken.
5. Solange diese Auflagen nicht erfüllt sind, muss die Entwicklung, Herstellung sowie ihr Einsatz und Vertrieb untersagt bleiben.
6. Angesichts der Weiterentwicklung der Raumfahrt(als Beispiel sollen hier nur die Weltraumaktivitäten der „United States Robot Co.“ angeführt werden) darf sich ein mögliches Verbot nicht nur auf die Erde beziehen, sondern muss auch den Einsatz von „intelligenten Robotern“ im Weltraum und auf anderen Planeten einschließen.
Mit zunehmender Komplexität des Alltags und wachsenden technischen
Fähigkeiten wuchsen auch die Anforderungen an den Menschen. Die Folge war eine wachsende Kluft zwischen dem Möglichen und dem Machbaren. Maschinen füllten diese Lücke. Zunächst nur mit einfachen Tätigkeiten betraut, verrichteten sie schon bald Aufgaben, die für Menschen zu anstrengend oder zu gefährlich waren. Der Begriff des Roboters wurde geboren. Die Maschine wandelte sich vom Werkzeug zum „Arbeiter“, sie wurde „vermenschlicht“.
Emanzipierte Roboter?
Trotz der vorwiegend industriellen Nutzung des Roboters wurde die Vorstellung intelligente Maschinen zu entwickeln, nicht aufgegeben. Unterstützt wird dies durch die immer komplexeren Anforderungen der Industrie, die die Weiterentwicklung der Robotertechnik beschleunigen. Die Zeiten in denen Roboter lediglich Schrauben sortierten, scheinen vorbei zu sein. In den nächsten Jahrzehnten werden wir Maschinen konstruieren, die sich wie der homo sapiens vom Neandertaler unterscheiden. Damit stellt sich aber auch die Frage nach dem rechtlichen Status von „künstlicher Intelligenz“. In dem wir diesen Maschinen komplexe Aufgaben stellen, übertragen wir ihnen auch Verantwortung. Ein gewagtes Unterfangen, wenn man „Verantwortung“ als die Fähigkeit definiert, die Lebensqualität des Einzelnen durch gemeinschaftsorientiertes Handeln zu erhöhen. Der Roboter, ein „zoon politicoon“? Auch wenn intelligente Roboter vielleicht nicht von „Natur“ aus nach Gemeinschaftlichkeit streben, Fähigkeiten wie Sprache oder Bewusstsein könnten den Unterschied zwischen Mensch und Maschine allmählich minimieren. Das setzt Spielregeln voraus: Was mit der Emanzipation des Menschen von Gott begann,könnte mit der Emanzipation der Maschine vom Menschen enden.
Asimov's Gesetze
Noch gibt es keine Präzendensfälle, die eine solche Entwicklung belegen könnten. Konkrete Fallbeispielen bleiben daher der „Science Fiction“ überlassen. Eine der vielleicht bekanntesten Schriften, die sich mit dem Thema „Roboterrechte“ beschäftigt, ist Isaak Asimovs Buch „I Robot“. Asimov entwirft eine Welt in welcher sich Mensch und Roboter nur noch anatomisch unterscheiden. Aber obwohl zwischen Mensch und Maschine die Unterschiede verschwimmen, haben sie nicht die gleichen Rechte. Roboter unterliegen den Robotergesetzen:
1. Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen oder durch Untätigkeit gestatten, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird.
2. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehl gehorchen, es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel Eins kollidieren.
3. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, so lange dieser Schutz nicht mit Regel Eins oder Zwei kollidiert.
Ein Gesetz oder eine Regel ist immer beides: Beschreibung und
Einschränkung.Beschreibung indem sie potentielle Fähigkeiten
des Objektes aufzählt und Einschränkung durch die Reglementierung
seiner Möglichkeiten. Welche Fähigkeiten setzten Asimovs Regeln also voraus? Zunächst muss ein Roboter die Konsequenzen seines Handelns bzw. Nichthandelns abschätzen können. Er muss fähig sein, eigene Entscheidungen zu treffen, d.h. er muss zwischen verschiedenen Optionen auswählen können. Das aber setzt eine erkenntnisorientierte Lernfähigkeit(im Gegensatz zum reinen Reproduzieren abgespeicherter Daten) des Roboters voraus. Und schließlich, er muss sich seiner selbst bewusst ein, um seinen Wert zu erkennen und um seine „Existenz“ beschützen zu können. Was auf den ersten Blick wie eine technische Anleitung aussieht, setzt eine „Maschine“ mit komplexen Eigenschaften voraus. Selbsterhaltung, Lernfähigkeit und Bewusstsein – die Verwandtschaft mit dem Menschen scheint augenfällig. Einige Beispiele werden dies verdeutlichen: In „Reason“ reflektiert der Roboter „Cutie“ über seinen Ursprung und findet daraufhin eine quasi-religiöse Antwort, die diese Existenz erklärt. Zweifellos ein beeindruckender Beweis für Bewusstsein im Sinne von „Cogito ergo sum“. Um diese These zu überprüfen, durchforstet er die vorhandene Bibliothek, was nicht nur seine Lesefähigkeit und damit seine Lernfähigkeit, sondern auch seine Fähigkeit zur selbständigen Willensbildung zeigt. Ein anderes Beispiel verdeutlicht ebenfalls das Zusammenwirken von Wille und Bewusstsein. In „Liar“ lügt der Roboter Herbie wie gedruckt. Lügen ist aber die bewusste und damit willentliche Verschleierung von Tatsachen. Nicht einmal Gefühl schließt Asimov bei seinen Robotern aus, so zeigt „Robbi“ durchaus emotionale Regungen als er seine „Spielgefährtin“ Gloria nach langer Trennung wiedersieht.
Herkunft statt Potential
Und trotzdem Asimovs Roboter sind dem Menschen unterstellt.
Die Rollenverteilung ist einfach: Der Mensch befiehlt, der Roboter gehorcht. Schlimmer noch, der Roboter ist kein eigener Herr - er ist Eigentum eines anderen. Die Fähigkeiten der Roboter und die Regeln der Robotergesetze scheinen nicht deckungsgleich zu sein. Die Folgen sind scheinbare „Fehler“, die Korrekturen und damit Eingriffe in die „Funktion“ der Roboter notwendig machen. Kann dies im juristischen Sinne gerecht sein? Zunächst einmal gilt: Recht ist Menschenrecht (vgl. dazu z.B. die Charakterisierung der „natürlichen Person“ im Bürgerlichen Gesetzbuch [BGB] §1) – es trifft keine Aussagen über die Rechte anderer Lebensformen. Das Problem: Menschliches Recht ist Herkunftsrecht. Nicht die Fähigkeit des Rechtssubjektes, sondern seine Abstammung bestimmt den Rechtsanspruch. Sind Roboter deshalb wie Tiere oder Pflanzen zu behandeln? Wohl kaum, den Beweis dafür liefert Asimov bzw. die mit der Herstellung der Roboter betraute „United States Robot Co.“ selbst und zwar in Form der Robotergesetze. Gibt es Gesetze oder Regeln, die Tieren ein bestimmtes Verhalten vorschreiben? Versteht der Hund das Schild „Wir müssen draußen bleiben“ als ein direktes Verbot? Nein, es gibt keine solchen Gesetze, weil Tiere weder physisch noch intellektuell in der Lage sind sich mit dem Menschen über komplexere Sachverhalte zu verständigen. Verhalten kann ihnen antrainiert werden,die Konsequenzen ihrer Handlungen aber können weder Hund noch Katz abschätzen. Die Roboter der „United States Robot Co.“ dagegen können es. Was aber nun sind Asimovs Roboter? Zwei Tatsachen stehen fest:
1. Sie sind weder mit Tieren noch mit Menschen gleichzusetzen.
2. Sie stellen eine intelligente, mit Bewusstsein ausgestattete künstliche Lebensform dar.
Eigentum – Schlüssel zum Leben?
Vergegenwärtigen wir uns noch einmal die beiden wesentlichen Einwände, die gegen eine tatsächliche Gleichwertigkeit oder besser Gleichrangigkeit ins Feld geführt werden können.
1. Roboter werden von Menschen geschaffen, sind also keine natürliche Lebensform.
2. Das Wissen und die Fähigkeit,dieses Wissen zu erweitern, werden Ihnen vom Menschen verliehen.
Daraus folgt, dass der Mensch eine Verfügungsgewalt beziehungsweise ein Eigentumsrecht über Roboter hat. Aufgrund des bisher Gesagten steht diesem Anspruch aber die Fähigkeit des Roboters gegenüber, sein Bewusstsein durch Reflektion zu erweitern. Durch seine Arbeit und seine Kontakte zu verschiedenen Menschen sammelt der Roboter Erfahrungen, die sein Bewusstsein und damit sein Verhalten prägen. Mit der Zeit wird der Roboter zu einem Individuum – einem Wesen also, das über die Blaupausen seiner Hersteller hinausgewachsen ist. Vergegenwärtigt man sich diesen Entwicklungsprozess, stellt sich die Frage nach „Eigentum“ und „Verfügungsgewalt“ völlig neu. Naturrechtlich kann man auf verschiedenen Wegen Eigentumsrechte an einem Gegenstand erlangen.
Durch Vertrag, wobei eine Vertragspartei Eigentümer bzw. Besitzer mit Eigentümervollmacht sein muss. Oder durch Arbeit, in dem man den Gegenstand selbst erschafft bzw. weiterentwickelt. Der Mensch der einen Roboter baut ist Eigentümer dieses Roboters, weil er ihn durch seine Arbeitsleistung geschaffen hat. Was aber, wenn sich der Roboter selbständig weiterentwickelt, wenn er auf Grund seiner Lernfähigkeit über seine Existenz reflektiert und dadurch zu neuen Gedanken oder Verhaltensweisen gelangt? Was, wenn er durch eigene Überlegung vorgegebene Arbeitsabläufe optimiert? Ist er dann immer noch Eigentum des Menschen oder hat er nicht selbst Arbeit in seine Vervollkommnung investiert und damit neues Eigentum geschaffen?
Das Recht auf Eigentum und seine Folgen
Durch die Fähigkeit des Roboters sich selbst zu verbessern, gehen die Eigentumsrechte des Konstrukteurs auf den Roboter über und damit auch
die Verfügungsgewalt. Dieser Vorgang ist im eigentlichen Sinne keine
Emanzipation, weil er den Roboter nicht zu einem Bestandteil des menschlichen Rechtssystems ihm ein eigenes Verfügungsrecht zu, verleiht ihm also ein Selbstbestimmungsrecht. Dies zu ignorieren käme einer gewaltsamen Aneignung fremden Eigentums gleich. Den Willen des Roboters zu missachten, seine Fähigkeiten zu eigenem Nutzen und Vorteil zu gebrauchen, bedeutete eine neue Form der Sklaverei. Das hat folgende Konsequenzen:
1. Alle Eigentumsansprüche gegenüber lern- und bewusstseinsfähigen Robotern bzw. Androiden sind gegenstandlos.
2. Der bis her auf Abstammung beruhende Personenbegriff muss erweitert werden und auf künstliche Intelligenz übertragbar sein.
3. Die Hersteller müssen Roboter in die Lage versetzen, die geltenden Gesetze zu befolgen und die ihnen zugestandenen Rechte und Pflichten auszuüben.
4. Die Hersteller haben Verfahren zu entwickeln, die eine Überprüfung der Roboter gestattet ohne ihre bewusstseinsgenerierenden Funktionen zu deaktivieren bzw. einzuschränken.
5. Solange diese Auflagen nicht erfüllt sind, muss die Entwicklung, Herstellung sowie ihr Einsatz und Vertrieb untersagt bleiben.
6. Angesichts der Weiterentwicklung der Raumfahrt(als Beispiel sollen hier nur die Weltraumaktivitäten der „United States Robot Co.“ angeführt werden) darf sich ein mögliches Verbot nicht nur auf die Erde beziehen, sondern muss auch den Einsatz von „intelligenten Robotern“ im Weltraum und auf anderen Planeten einschließen.
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Samstag, 20. März 2010
Im Auftrag des Königs
Namen sind wie Schall und Rauch. Brennende Bürotürme, Schreie entsetzter Menschen – seit dem 11. September 2001 steht der Name Bin Laden für Terror und Tod. Osama Bin Ladens Anschlag auf das World Trade Center zerstörte nicht nur ein Symbol, er zerstörte auch ein Beziehungsgeflecht, dass von Washington über Jerusalem bis nach Riad reichte und jahrzehntelang den Bin Ladens Einfluss und Wohlstand gewährte. Jenseits seiner politischen und wirtschaftlichen Bedeutung, stellt der “nine-eleven” somit auch eine familiäre Katastrophe dar. In seinem Buch “Die Bin Ladens” zeichnet Steve Coll den Aufstieg und Fall dieser Familie nach.
Bereits in der Vergangenheit hat sich der zweifache Pulitzer-Preisträger Steve Coll mit der weltpolitische Rolle des Mittleren Ostens befasst. So beschäftigte er sich bereits 2004 mit seinem Buch “Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001″ mit der Unterstützung der Taliban durch die USA und dem Engagement der Familie Bin Laden in dieser Region. Ein Schwerpunkt Colls, der zur Zeit als Managing Editor bei der Washington Post arbeitet, stellte die Unterstützung des islamischen Fundamentalismus als Instrument der amerikanischen Aussenpolitik gegenüber der Sowjetunion dar. Diese Strategie hatte allerdings einen Schwachpunkt: Der finanziellen und materiellen Unterstützung des islamistischen Widerstandes in Afghanistan stand eine weitgehend unkontrollierbare Eigendynamik dieser Gruppen gegenüber. Wählte Coll in seiner 2004 erschienen Publikation einen eher außenpolitischen, aktuellen Blickwinkel, so vollzieht er in der Familienbiographie “Die Bin Ladens” nun einen Perspektivwechsel und konzentriert sich auf die innerarabischen Entwicklungen. Wie kaum eine zweite arabische Familie haben die Bin Ladens hier eine Schlüsselposition inne.
Der Aufstieg der Familie Bin Laden ist eine Mischung aus orientalischem Märchen und amerikanischem Traum. Nicht mal ganz zwölf Jahre alt verlässt Mohammed Bin Laden seine jemenitische Heimat, um zunächst in Äthiopien später dann in Saudi-Arabien zu arbeiten. Arbeitsmigration hat Tradition im Jemen: Kinder verlassen schon früh ihre Heimat und werden von jemenitischen Auswanderern weitervermittelt. Ähnlich wie seine Altersgenossen verrichtet Mohammed zunächst Arbeiten, die von den saudischen Beduinen abgelehnt werden. Doch er hat einen Vorteil, er ist geschickt und motiviert und hat die Zeit auf seiner Seite.
Der Aufstieg Bin Ladens und der Aufstieg Saudi-Arabiens sind eng miteinander verknüpft. Öl, Macht und Religion werden zu den Wegweisern auf Bin Ladens Weg zum Erfolg. Der Siegeszug des Öls, der Machtanspruch der Königsfamilie Saud und die Notwendigkeit, den wahabitschen Einfluss zu kontrollieren, eröffnen dem Dynastiegründer Mohammed beinahe unbegrenzte Möglichkeiten. Eine weiterer wichtiger Trumpf sind die Amerikaner. Bereits in den 30er Jahren entdecken amerikanische Firmen den Wert des “Schwarzen Goldes” und erhalten den Zuschlag bei wichtigen Bauprojekten. Mohammeds Kontakte und Amerikas Bauprojekte ergänzen sich. Zunächst profitiert Bin Laden vom Outsourcing, doch schon nach kurzer Zeit baut er selbst. Straßen, Paläste und Kasernen, Mohammeds arabische Herkunft und seine enge Bindung ans Königshaus zahlen sich aus. Und selbst sein plötzlicher Tod beendet den Siegeslauf der Familie nicht. Für das saudische Königshaus sind die Bin Ladens nicht nur eine Bauherren-Dynastie, sie sind ein nationales Vorzeigeobjekt mit strategischer Bedeutung. Als Muslime übernehmen sie religiöse Bauprojekte in Mekka, Medina und Jerusalem, als Araber organisieren sie den Aufbau einer modernen Infrastruktur und als Unternehmer halten sie den Kontakt zum Westen.
Unter Mohammeds Sohn und Nachfolger Salem verstärkt sich die Westbindung der Familie. In England erzogen, in Saudi-Arabien sozialisiert, verkörpert sich in Salem der Widerspruch der Familie ebenso wie der des Staatswesens. Luxus und Gottesfurcht, wahabitische Tradition und Ölreichtum – eine Zeit lang kaschieren die Angst vor dem Kommunismus und die Bedrohung durch den Nationalismus Nassers diesen Widerspruch. Der materielle Reichtum der Familie sowie des Königshauses ermöglichen den Ausgleich der Extreme. Nach innen unterstützt die Familie Bin Laden die Politik des saudischen Königshauses mit dem Bau sozialer Einrichtungen sowie durch die Errichtung eines modernen Telefonnetzes. Nach außen helfen Salems Kontakte Saudi-Arabien wirtschaftlich und politisch zur Drehscheibe der amerikanischen Außenpolitik zu werden.
Ein weitere Möglichkeit, um innenpolitischen Druck abzubauen und religiöse Standhaftigkeit zu demonstrieren, ergibt sich durch den Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan. Die russische Aggression gegenüber dem Nachbarland hilft sowohl Saudi-Arabien als auch den Bin Ladens die zunehmende Aufgeschlossenheit gegenüber fundamental-islamischen Positionen zu kanalisieren. Salems ausgeprägte Amerikabegeisterung ist nicht repräsentativ, andere Familienmitglieder teilen diese nicht. Stattdessen rückt für sie, wie der Fall von Salems Halbruder Osama verdeutlicht, das islamische Glaubensbekenntnis gepaart mit antiamerikanischen Ressentiments in den Vordergrund. Afghanistan bietet die Möglichkeit diese Gefühle auszuleben und wird für Osama Bin Laden zum Ausgangspunkt einer islamischen Revolution.
Krieg führt zur Radikalisierung und damit zur Entfremdung vom Frieden. Eine Entfremdung, die auch für Osama nach dem Abzug der roten Armee aus Afghanistan spürbar wird. Salems unerwarteter Tod hinterlässt ein familiäres, das Kriegsende ein politisches Vakuum. Während der Rest der Familie in die Normalität des saudischen Alltags zurückkehrt, sucht Osama nach neuen, militanten Betätigungsfeldern. Finanzielle Potenz und radikaler Eifer machten den Aufbau von Trainingslagern und die Unterstützung von Terrorzellen in Afghanistan und dem Sudan möglich. Die Kluft zwischen Osama und dem Rest der Bin Ladens aber auch gegenüber dem saudischen Königshaus vergrößert sich. Eine Entwicklung die, durch die Besetzung Kuwaits und den darauf folgenden zweiten Golfkrieg, beschleunigt wird. Der Verlust der saudischen Staatsbürgerschaft und den Ausschluss Osamas aus der Familie sind die Folge.
Während sich Osamas Radikalität immer weiter steigert und in den Horrorszenarien des 11. September ihren grausamen Höhepunkt findet, bemüht sich die Familie die traditionellen Beziehungen zum Königshaus und zu den Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten. Ein Unterfangen, das im Laufe der nächsten Jahre, dank des wachsenden Misstrauens der USA gegenüber Osamas Verwandtschaft, immer schwieriger werden sollte und nach den September-Ereignissen des Jahres 2001 in einem regelrechten Exodus der in den USA lebenden Bin Ladens gipfelt. Doch allem Misstrauen und familiärer Schande zum Trotz erweist sich das saudische Königshaus vor allem auch in den Jahren nach 2001 als ein sicherer Verbündeter und ihr Königreich als ein verlässliches Refugium der Bin Ladens.
Colls Bin Laden Biographie beeindruckt. Sie beeindruckt sowohl von der Rechercheleistung des Autors, als auch von der inhaltlichen Verschränkung von historischem und biografischen Fakten. Die Akribie des Autors erstreckt sich nicht nur auf die Auswertungen von Flugprotokollen, Tagebüchern, oder Steuererklärungen – sie entwickelt auch ein historisches Panorama. Lebensumstände einzelner Familiemitglieder erhalten so bei aller orientalischen Fremdartigkeit eine persönliche Note, die sie von dem Namensgeber des modernen Terrorismus emanzipiert. Insbesondere Salem, das früh verstorbene Familienoberhaupt der Bin Ladens, erscheint unter diesem Gesichtspunkt als stabilisierender Gegenentwurf zu Osama. Überzeugend gelingt es Coll auch das enge, beinahe symbiotische Verhältnis der Bin Ladens zum Königshaus und seinem religösen Umfeld darzustellen. Grundlage hierfür ist ein Beziehungsgeflecht das, trotz aller Modernisierung, vor allem durch persönliche Nähe, familiäre Tradition und politische Loyalität am Leben erhalten wird. Ein für den institutionengläubigen, westlichen Leser ebenso faszinierendes wie gewöhnungsbedürftiges Gesellschaftsmodell.
Steve Coll
Die Bin Ladens
Eine arabische Familie
DVA
ISBN 978-3-421-04354-2
24,95 Euro
Bereits in der Vergangenheit hat sich der zweifache Pulitzer-Preisträger Steve Coll mit der weltpolitische Rolle des Mittleren Ostens befasst. So beschäftigte er sich bereits 2004 mit seinem Buch “Ghost Wars: The Secret History of the CIA, Afghanistan, and Bin Laden, from the Soviet Invasion to September 10, 2001″ mit der Unterstützung der Taliban durch die USA und dem Engagement der Familie Bin Laden in dieser Region. Ein Schwerpunkt Colls, der zur Zeit als Managing Editor bei der Washington Post arbeitet, stellte die Unterstützung des islamischen Fundamentalismus als Instrument der amerikanischen Aussenpolitik gegenüber der Sowjetunion dar. Diese Strategie hatte allerdings einen Schwachpunkt: Der finanziellen und materiellen Unterstützung des islamistischen Widerstandes in Afghanistan stand eine weitgehend unkontrollierbare Eigendynamik dieser Gruppen gegenüber. Wählte Coll in seiner 2004 erschienen Publikation einen eher außenpolitischen, aktuellen Blickwinkel, so vollzieht er in der Familienbiographie “Die Bin Ladens” nun einen Perspektivwechsel und konzentriert sich auf die innerarabischen Entwicklungen. Wie kaum eine zweite arabische Familie haben die Bin Ladens hier eine Schlüsselposition inne.
Der Aufstieg der Familie Bin Laden ist eine Mischung aus orientalischem Märchen und amerikanischem Traum. Nicht mal ganz zwölf Jahre alt verlässt Mohammed Bin Laden seine jemenitische Heimat, um zunächst in Äthiopien später dann in Saudi-Arabien zu arbeiten. Arbeitsmigration hat Tradition im Jemen: Kinder verlassen schon früh ihre Heimat und werden von jemenitischen Auswanderern weitervermittelt. Ähnlich wie seine Altersgenossen verrichtet Mohammed zunächst Arbeiten, die von den saudischen Beduinen abgelehnt werden. Doch er hat einen Vorteil, er ist geschickt und motiviert und hat die Zeit auf seiner Seite.
Der Aufstieg Bin Ladens und der Aufstieg Saudi-Arabiens sind eng miteinander verknüpft. Öl, Macht und Religion werden zu den Wegweisern auf Bin Ladens Weg zum Erfolg. Der Siegeszug des Öls, der Machtanspruch der Königsfamilie Saud und die Notwendigkeit, den wahabitschen Einfluss zu kontrollieren, eröffnen dem Dynastiegründer Mohammed beinahe unbegrenzte Möglichkeiten. Eine weiterer wichtiger Trumpf sind die Amerikaner. Bereits in den 30er Jahren entdecken amerikanische Firmen den Wert des “Schwarzen Goldes” und erhalten den Zuschlag bei wichtigen Bauprojekten. Mohammeds Kontakte und Amerikas Bauprojekte ergänzen sich. Zunächst profitiert Bin Laden vom Outsourcing, doch schon nach kurzer Zeit baut er selbst. Straßen, Paläste und Kasernen, Mohammeds arabische Herkunft und seine enge Bindung ans Königshaus zahlen sich aus. Und selbst sein plötzlicher Tod beendet den Siegeslauf der Familie nicht. Für das saudische Königshaus sind die Bin Ladens nicht nur eine Bauherren-Dynastie, sie sind ein nationales Vorzeigeobjekt mit strategischer Bedeutung. Als Muslime übernehmen sie religiöse Bauprojekte in Mekka, Medina und Jerusalem, als Araber organisieren sie den Aufbau einer modernen Infrastruktur und als Unternehmer halten sie den Kontakt zum Westen.
Unter Mohammeds Sohn und Nachfolger Salem verstärkt sich die Westbindung der Familie. In England erzogen, in Saudi-Arabien sozialisiert, verkörpert sich in Salem der Widerspruch der Familie ebenso wie der des Staatswesens. Luxus und Gottesfurcht, wahabitische Tradition und Ölreichtum – eine Zeit lang kaschieren die Angst vor dem Kommunismus und die Bedrohung durch den Nationalismus Nassers diesen Widerspruch. Der materielle Reichtum der Familie sowie des Königshauses ermöglichen den Ausgleich der Extreme. Nach innen unterstützt die Familie Bin Laden die Politik des saudischen Königshauses mit dem Bau sozialer Einrichtungen sowie durch die Errichtung eines modernen Telefonnetzes. Nach außen helfen Salems Kontakte Saudi-Arabien wirtschaftlich und politisch zur Drehscheibe der amerikanischen Außenpolitik zu werden.
Ein weitere Möglichkeit, um innenpolitischen Druck abzubauen und religiöse Standhaftigkeit zu demonstrieren, ergibt sich durch den Einmarsch der Roten Armee in Afghanistan. Die russische Aggression gegenüber dem Nachbarland hilft sowohl Saudi-Arabien als auch den Bin Ladens die zunehmende Aufgeschlossenheit gegenüber fundamental-islamischen Positionen zu kanalisieren. Salems ausgeprägte Amerikabegeisterung ist nicht repräsentativ, andere Familienmitglieder teilen diese nicht. Stattdessen rückt für sie, wie der Fall von Salems Halbruder Osama verdeutlicht, das islamische Glaubensbekenntnis gepaart mit antiamerikanischen Ressentiments in den Vordergrund. Afghanistan bietet die Möglichkeit diese Gefühle auszuleben und wird für Osama Bin Laden zum Ausgangspunkt einer islamischen Revolution.
Krieg führt zur Radikalisierung und damit zur Entfremdung vom Frieden. Eine Entfremdung, die auch für Osama nach dem Abzug der roten Armee aus Afghanistan spürbar wird. Salems unerwarteter Tod hinterlässt ein familiäres, das Kriegsende ein politisches Vakuum. Während der Rest der Familie in die Normalität des saudischen Alltags zurückkehrt, sucht Osama nach neuen, militanten Betätigungsfeldern. Finanzielle Potenz und radikaler Eifer machten den Aufbau von Trainingslagern und die Unterstützung von Terrorzellen in Afghanistan und dem Sudan möglich. Die Kluft zwischen Osama und dem Rest der Bin Ladens aber auch gegenüber dem saudischen Königshaus vergrößert sich. Eine Entwicklung die, durch die Besetzung Kuwaits und den darauf folgenden zweiten Golfkrieg, beschleunigt wird. Der Verlust der saudischen Staatsbürgerschaft und den Ausschluss Osamas aus der Familie sind die Folge.
Während sich Osamas Radikalität immer weiter steigert und in den Horrorszenarien des 11. September ihren grausamen Höhepunkt findet, bemüht sich die Familie die traditionellen Beziehungen zum Königshaus und zu den Vereinigten Staaten aufrechtzuerhalten. Ein Unterfangen, das im Laufe der nächsten Jahre, dank des wachsenden Misstrauens der USA gegenüber Osamas Verwandtschaft, immer schwieriger werden sollte und nach den September-Ereignissen des Jahres 2001 in einem regelrechten Exodus der in den USA lebenden Bin Ladens gipfelt. Doch allem Misstrauen und familiärer Schande zum Trotz erweist sich das saudische Königshaus vor allem auch in den Jahren nach 2001 als ein sicherer Verbündeter und ihr Königreich als ein verlässliches Refugium der Bin Ladens.
Colls Bin Laden Biographie beeindruckt. Sie beeindruckt sowohl von der Rechercheleistung des Autors, als auch von der inhaltlichen Verschränkung von historischem und biografischen Fakten. Die Akribie des Autors erstreckt sich nicht nur auf die Auswertungen von Flugprotokollen, Tagebüchern, oder Steuererklärungen – sie entwickelt auch ein historisches Panorama. Lebensumstände einzelner Familiemitglieder erhalten so bei aller orientalischen Fremdartigkeit eine persönliche Note, die sie von dem Namensgeber des modernen Terrorismus emanzipiert. Insbesondere Salem, das früh verstorbene Familienoberhaupt der Bin Ladens, erscheint unter diesem Gesichtspunkt als stabilisierender Gegenentwurf zu Osama. Überzeugend gelingt es Coll auch das enge, beinahe symbiotische Verhältnis der Bin Ladens zum Königshaus und seinem religösen Umfeld darzustellen. Grundlage hierfür ist ein Beziehungsgeflecht das, trotz aller Modernisierung, vor allem durch persönliche Nähe, familiäre Tradition und politische Loyalität am Leben erhalten wird. Ein für den institutionengläubigen, westlichen Leser ebenso faszinierendes wie gewöhnungsbedürftiges Gesellschaftsmodell.
Steve Coll
Die Bin Ladens
Eine arabische Familie
DVA
ISBN 978-3-421-04354-2
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